Die weiße Leber

»Seid still«, riefen einige Stimmen, und als der Wirtsraum erneut verstummt war, hörten alle Anwesenden die schwachen Hilfeschreie, die aus dem Stiegenhaus hereindrangen. Die Gäste sahen einander erschrocken an. Bürgermeister Christian Werzer reagierte als Erster, er stellte sein leeres Weinglas neben sich auf die Theke und setzte sich in Bewegung. In wenigen großen Schritten war er an der Treppe und sprang diese, jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend, in den ersten Stock hinauf, von wo die Hilfeschreie kamen.
Im Flur des ersten Stocks fand er den Wirt vor, der leichenblass an der rechten Wand zusammengesunken war, vis-à-vis der offenen Tür zu Ramonas Zimmer. Werzer spürte, wie er zu zittern begann. Er kannte Franz Angerer seit früher Kindheit und wusste, dass den gestandenen Wirt so leicht nichts aus der Bahn warf. Welcher Anblick den Bürgermeister auch immer in Ramonas Zimmer erwarten würde, ihm war klar, dass er sich davon nicht leicht erholen würde. Einige weitere Gäste drangen die Treppe herauf, allen voran Chorleiter Michael Kenda. Er sah den Wirt an der Wand lehnen und rief über die Schulter nach hinten: »Holt einen Sanitäter oder Anita.«
Kenda näherte sich dem Bürgermeister, welcher in der offenen Tür stehen geblieben war und bewegungslos in das Zimmer starrte. Der Chorleiter ging zu ihm hin und blickte ihm über die Schulter. Man musste kein Arzt sein, um auf den ersten Blick zu erkennen, dass Ramona tot war. Die Kellnerin lag rücklings auf dem Bett, ihre Augen und ihr Mund waren weit geöffnet, ihr ganzes Gesicht zu einer Fratze der Todesangst verzerrt. Auf Brust und Bauch klebte die teilweise zerrissene Bekleidung im Blut; es befand sich geradezu pervers viel Blut an ihr und um sie herum auf Bett und Boden. Eine warme Böe wehte beim offenen Zimmerfenster herein und trug den widerlich schal-süßen Geruch warmen Blutes in Michael Kendas Nase. Der Chorleiter spürte einen Würgereflex seine Kehle heraufkriechen, und er wandte sich ab, um rasch eine Toilette aufzusuchen. Der Bürgermeister hob warnend die Hand. Er wollte den Nächsten, der sich dem Zimmereingang näherte, davon abhalten, sich diesem Anblick auszusetzen. Sein Gesicht blieb jedoch starr auf das Grauen gerichtet.
»Niemand verlässt das Haus«, sagte er beinahe geistesabwesend.
»Rufen Sie die Polizei. Und bringt mir Frau Doktor Kogelnig her.« Kapuzenpulli, die sich wie ein gesichtsloser Mönch im Büßergewand über ihn beugte
.

In der Wörthersee-Gemeinde Klein Eggen wird die Kellnerin Ramona Doppelreiter mit mehreren Messerstichen ermordet. Die Tat ereignet sich in einem Zimmer des Gasthofs Kirchenwirt, in dessen Wirtsräumen gleichzeitig eine Blutspendenaktion samt Auftritt des dörflichen Chors abgehalten wird. Chefinspektor Widrig führt die Ermittlungen stellvertretend für den im Krankenstand befindlichen Chefinspektor Ogris. Widrig geht mit übertriebener Härte vor, kommt aber rasch zu Ergebnissen: Blutspuren am Tatort können Ogris‘ Schwiegersohn Ludwig Melischnig zugeordnet werden.

Die weiße Leber
Kriminalroman von Roland Zingerle
Taschenbuch, 282 Seiten, € 12,90 (A)
ISBN 978-3-902784-59-5


Der Titel ist auch als e-book erhältlich

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Von Roland Zingerle bisher erschienen




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