Kathrinatag

Nebelschwaden ziehen durch die Baumwipfel. Die buckligen Fichten stehen starr. Das letzte nasse Herbstlaub klebt auf dem schmierigen Asphalt. Es riecht entfernt nach frischem Schnee. Wer summt da? Eine zauberhafte Melodie. Ist das nur der Wind? Er blinzelt, horcht angestrengt in die feuchte Finsternis. Klack, klack, klack. Flinke, leichte Schritte auf der engen Bergstraße. Und eine unbekannte Melodie. Die steile Straße führt Kurve um Kurve bergan, begleitet von einer jahrhundertealten Mauer, die den Hang festzuhalten versucht. Links fällt der Abhang tief ins Tal der Bregenzerache. Das Ende des Weges ist in dem Nebel nur zu erahnen. Er spitzt seine Ohren, blinzelt erneut. Leises Geraschel in einer Mauerritze. Eine Maus? Die Schritte kommen näher. Ein Mädchen. Allein. Einsam am Straßenrand. Die dunkle Jacke verschmilzt mit der Mauer. Die Knöpfe stehen offen. Trotz der Kälte friert sie nicht. Die gesummte Melodie mischt sich unter das Wispern des Windes. Zielstrebig läuft sie bergwärts. Er riecht frischen Schweiß, eine Brise Zigarettenrauch, Flieder, Unschuld. Er spürt Sorge, Müdigkeit, Ärger. Die langen Strähnen unter der pinkfarbenen Mütze kräuseln sich in der Feuchtigkeit des Nebels.
Sie summt nicht mehr. Reglos verfolgt er sie mit seinem Blick. Sie bemerkt ihn nicht. Gedämpftes Motorengeräusch zerstört die Spannung. Die Nebelschwaden verdichten sich. Zwei verirrte Scheinwerfer finden ihren Weg durch das tote Laub. Das kleine Auto kämpft, leise vor sich hin fluchend, mit der Steigung. Das Mädchen geht zügig bergauf. Er hört ihr Schnaufen. Sie stützt sich gegen die bröcklige Mauer, kramt mit der rechten Hand in ihrer Tasche. Sie holt ein Papiertaschentuch heraus und tupft sich müde den Schweiß von der Stirn. Sie blickt in seine Richtung. Die alte Fichte verrät ihn nicht. Die Melodie klingt nur noch in ihren Gedanken. Er kann sie erahnen, diese Töne, die der Dunkelheit ihren Schrecken nehmen. Bald werden sie gefangen sein. Gefangen in der Finsternis ihres Bewusstseins. Das Auto gibt Gas, schaltet einen Gang höher. Sie lehnt an der Mauer, zerknüllt das Tuch und steckt es in die Jackentasche. Der Wagen beschleunigt weiter. Sie bemerkt ihn, seufzt, geht langsam weiter. Er fährt direkt auf sie zu. Sie dreht sich um und hebt den Daumen. Der Wagen wird nicht langsamer. Sieht der Fahrer sie nicht? Sie lässt ihre Tasche fallen, winkt verzweifelt. Er bremst nicht ab. »Lieber Gott!« Sie rennt. Sie rennt um ihr Leben. Der Wagen ist schneller. Sie versucht, auf die Mauer zu klettern, findet keinen Halt. Sie rutscht ab. Die Scheinwerfer erfassen sie. Ein Schrei.
Ohne Melodie. Er schließt seine Augen. Pechschwarze Stille. Er spürt Entsetzen, Gänsehaut, Übelkeit. Der Waldkauz krächzt unbehaglich, spannt seine Flügel und fliegt lautlos bergwärts. Bald folgt ihm ein kleines Auto. Schnell. Viel zu schnell.


Einem alten Brauch zufolge wird in einigen Dörfern im Bregenzerwald Ende November der »Kathrinatag« gefeiert. So findet auch in dem Ort Au nach einem Festgottesdienst buntes Markttreiben mit Musik und viel Glühmost statt. Die 17-jährige Schülerin Judith feiert mit Freunden. Am folgenden Morgen liegt sie lebensgefährlich verletzt am kalten Straßenrand. Der Kripo-Beamte Waldinger muss in seinem Heimatdorf ermitteln, und dort sind sich alle einig: Der Täter war keiner von uns, das muss ein Auswärtiger gewesen sein.

Kathrinatag
Kriminalroman von Daniela Alge
Taschenbuch, 195 Seiten, € 12,90 (A)
ISBN 978-3-902784-35-3


Der Titel  ist auch als e-book erhältlich

Weltbild



Von Daniela Alge bisher erschienen



Kathrinatag
978-3-902784-35-3

Fehltritt mit Folgen
978-3-902784-43-8

Wolfsmörder
978-3-902784-62-6

Eiskalte Spur
978-3-903092-47-1


Daniela Alge

     

 

     

 

 
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